 |
Frankfurter Rundschau 28.06.02 Das Echo des Müsliriegels. Barbara Heier-R. verfremdet Strichcodes zu Bildern, Günter Schroth macht die Musik dazu /Ausstellung in Hornau. Von Kathrin Schwedler Was sich
aus Müsliriegeln und Scheckkarten akustisch herausholen lässt, zeigte Günter Schroth bei der Eröffnung der Ausstellung "All di Barcodes" in der Alten Kirche Hornau. Er lieferte die computergesteuerte Begleitmusik zu
den bildhaften Bearbeitungen der Warencodes durch die Kelkheimer Künstlerin Barbara Heier-R. KELKHEIM. Alltägliche Dinge, die man ständig vor Augen hat, nimmt das Auge oft nicht mehr wahr. Das gilt auch für den 1982 in
Deutschlang eingeführten Barcode, also jene Kombinationen aus Strichen und Ziffern, die an allen Konsumgütern pappt. Die Kelkheimer Künstlerin Barbara Heier-R. hat sich seit rund zwei Jahren der Visualisierung dieser Barcodes
in verschiedenen Ansätzen genähert. Zurzeit sind in der Alten Kirche in Kelkheim-Hornau unter dem Titel "All DI Barcodes" ihre aktuellen Exponate ausgestellt. Die Abstraktion im Konkreten der sinnlichen Warenwelt
fasziniert die gelernte Schilder- und Lichtreklame-Designerin. Die ersten zwei Ausstellungsstücke - "Planungsabschnitt" und "Sommerschlussverkauf" - dokumentieren ein Projekt, bei dem Barbara Heier-R. die
Balkenabstraktion ins Reale getragen hatte: Auf Landkarten von Kelkheim sind Fotos von Bäumen mit Barcodes abgebildet. Bei einer Land-Art-Aktion im August 2001 wurden Strichlisten an echten Bäumen angepinnt, als stünden sie zum
Verkauf. Mit Copygrafie und Computer präpariert Heier-R. aus Etiketten grafisch alles mögliche heraus. Verschwommen, vergrössert und farblich verwandelt erkennt man bei einigen Motiven den Ursprung nicht mehr. Drei Ölbilder
mit in kräftigen Tönen gemalten groben Balken scheinen bar jeden Barcodebezuges. Sieht das Ergebnis der Verfremdung hingegen aus wie ein U-Bahn-Plan, dann titelt die Künstlerin pointiert "Subway". Zum Uhu-Code - einem
Markennamen, den man rückwärts wie vorwärts lesen kann - hat sich Heier-R. ein Stativ einfallen lassen, das in einer Art Drehspiegel endet. Im Rund ist in Gelb auf zwei Kunststoffcode aufgebracht, den man mit einem Stups immer
wieder rundherum drehen kann. Programmatisch trägt Heier-R. bei der Ausstellungseröffnung ein rosa T-Shirt ebenfalls mit Code-Motiv. Dass Barcodes nicht nur ein Hingucker sein können, sondern auch ins Ohr gehen, gehört zu
den Überraschungsmomenten der Vernissage. Der Frankfurter Elektronik-Musik-Tüftler Günter Schroth bringt seit einiger Zeit mit seiner" Barcode Music" schwarze Balken zum Tönen. Nötig dafür ist ein Laserstift und ein
nach Gusto programmierter Computer. Dieser macht die den Balken jeweils zugeordneten Schwingungen hörbar. Tricks wie mehrfaches Scannern und echoartige Finessen holen aus ein- und demselben Müsliriegel akustisch einiges raus.
Wie ein Pappkarton-DJ wühlt sich Schroth auf einem Campingtisch durch Schachteln und Büchsen und bringt die drei Sets mit einer Zusatzpartitur auskopierten Lieblingscodes zu teilweise ohrenbetäubenden Brummen und Klingen.
Meister Propper und Coca Cola gehören zu seinen Favoriten, verrät Schroth anschliessend den angetanen Zuschauern, die diverse Plastikkarten aus ihren Geldbörsen ziehen, um sie auf ihre Hörtauglichkeit checken zu lassen.
Rabattkarten gehen problemlos, auch wenn Schroth sie grösstenteils als "langweilig" einstuft. Eine Bahncard erster Klasse bleibt dagegen stumm.
Höchster Kreisblatt Rechteckige Strichcodes mit kreativer Wirkung Kelkheim. "Barcodes" - das sind die kleinen rechteckigen Strichkombinationen auf vielen Waren, die beispielsweise
der Scanner-Kasse im Supermarkt anzeigen, wie teuer ein Produkt ist.Als Symbol der vielbeschworenen Informationsgesellschaft belegen sie die Allgegenwärtigkeit von Daten und Informationen, die gleichzeitig immer
unverständlicher werden. "Gerade, dass ich nicht genau verstanden habe, wie diese Strichcodes funktionieren, das hat mich geärgert und gereizt", erklärt die Kelkheimer Künstlerin Barbara Heier-Rainer denn auch ihre
Motivation, sich ästhetisch mit diesen abstrakten Zeichen auseinander zusetzen. Am Freitagabend präsentierte sie in der Alten Martins-Kriche die Ergebnisse dieses künstlerischen Prozesses unter dem wortspielenden Titel
"ALL DI Barcodes". Zur Vernissage der Ausstellung, die nohc bis zum 9. Juni 2002 zu sehen sein wird, war auch der Frankfurter Experimantal-Musiker Günter Schroth gekommen, der sich für seine Kunstform ebenfalls der
"Barcodes" bedient. Zu Beginn seiner Performance schüttete er eine Plastiktüte mit Verpackungen auf einen Tisch, die er dann mit einem Scannerstift bearbeitete. Mit einer speziellen Software verarbeitete ein von
Schroth mitgebrachter Computer die dabei gewonnenen Daten. Und dieser leitete sie anschließend an einen Synthesizer weiter. Das Ergebnis: eigenwillige Töne und Klänge, erzeugt durch ein völlig neues Musik-Verfahren. Ich bin von
meinem Schwager auf Günter Schroth aufmerksam gemacht worden", erklärte Barbara heier-Rainer die Kooperation mit dem Musiker, "dann habe ich eines seiner Konzerte in Frankfurt besucht und ihn gefragt, ob er zu meiner
Ausstellungseröffnung kommen will. Auch sie bedient sich bei ihrer künstlerischen Arbeit der modernen Medien. So ist eines ihrer Hauptbetätigungsfelder die "Copy Art", also Werke, die mit Hilfe von Kopierer und
Computer entstehen. Etwa durch das Copy-Motion-Verfahre. Dabei legt sie ein Foto auf den Kopierer, der diese Vorlage dann beim Kopiervorgang hin und her bewegt undso verzerrt. Anschließend bearbeitet sie die Kopie am Computer.
Doch so ganz hat sich auch Barbara Heier-Rainer den neuen Medien dann noch nicht verschrieben. So gibt es in der Ausstellung auch einige Ölgemälde. "Ich brauche einfach auch noch den Kontakt mit den Händen zum
Material." Viel Lob gab es nicht nur für die Künstlerin, sondern auch für die Atmosphäre in der renovierten alten Kirche. "Das wird die Galerie der Stadt Kelkheim", war sich die Stadträting Ursula Kutzner (SPD)
sicher, die in Vertretung des Stadtrates für Kultur, Waster Müssig (SPD), die Eröffnungsrede hielt. Die Ausstellung "ALL Di Barcodes" von Barbara Heier-Rainer ist bis 9. Juni 2002 geöffnet: mittwochs, freitags,
samstags und sonntags jeweils von 15 bis 18 Uhr. Die Künstlerin ist während dieser Zeit anwesend. (tow)
Kelkheimer Zeitung 29.05.02 Kunst und Musik aus "Scanner-Barcodes Für viele mit Sicherheit ungewohnt, dass man die Barcodes, die kleinen Striche auf den Verpackungen zum Abtasten von der Kasse,
zum künstlerischen Objekt umwandeln kann, dass man aus der elektronischen Maschinensprache Bilder schaffen kann. Wie das funktioniert, zeigt die Kelkheimerini Barbara Heier-R. in einer Ausstellung in der Alten Martins-Kirche in
Hornau unter dem Titel "ALL DI Barcodes". Dass man aber aus diesen Barcodes Töne herausfiltern kann, um damit Musik zu machen, dass verblüffte doch so manchen Besucher der Vernissage in der vergangenen Woche. Der
Komponist der Barcode-Musik ist der Frankfurter Günter Schroth. Ulla Kutzner hatte die Einführung in die Arbeiten der Künstlerin übernommen, wobei sie freimütig eingestand, dass sie mit einer Barcode-Kunst bisher noch nicht
in Berührung gekommen war. Das Abtasten mit dem Scanner an der Kasse - eine Selbstverständlichkeit heutzutage, aber dass diese Maschinensprache nicht allgemein verständlich ist, liegt auf der Hand. Hier hakt die Künstlerin ein,
um aus den alltäglichen Zeichen Lesbares zu machen, aber eben als künstlerisches Objekt in verschiedenen Farben und Formen. Und wenn sie eines der Werke "Uhu" genannt hat, dann nicht deshalb, weil der grosse
Nachtvogel durch den Internet-Raum flatterte, sondern weil sich dahinter der Barcode einer Klebstofftube verbirgt. Was sie will, so Ulla Kutzner: Neues entdecken. Der Elektronik-Tüftler Schroth hat eine Partitur für sein
Gerät, den Computer geschrieben. Streicht er mit einem Scanner über einen Barcode, überträgt das wiederum auf einen Synthesizer(Hoffentlich stimmt das, was wir hier sagen), dann ergeben sich daraus Töne, die per Lautsprecher in
den Raum dringen; nicht unbedingt als Sphärenklänge, wie so mancher meinte, abereben Töne. Schlecht zu identifizieren, doch so eindringlich, dass man sich fragte, ob Günter Schroth nicht bald die Wohnung wechseln muss. Die
Cola-Büchse habe gut geklungen, meinte jemand, nein, kam die Antwort, er ziehe doch Meister Propper vor. Bürgermeister Thomas Horn zückte seine Bahncard und wollte den Barcode in Musik verwandelt haben, vielleicht als
schnittige ICE-Musik. Klappte nicht. Der Kommentar aus der Runde: Muss wohl ungülitg sein. "Hat jemand eine fetzige Karte?" wurde gefragt. Und siehe, die kam zum Künstler, der auch diesen Strichen Töne entlockte.
Kunst? Musik? Man wird mit Sicherheit darüber Streiten. Wir halten uns da ganz weit raus, auch wenn wir meinen: Eine amüsante Sache. Man könnte auch Wilhelm Busch zitieren, der davon schrieb, dass "Musik oft störend wird
empfunden". Aber damals gab´s noch meine Barcodes. Die Ausstellung ist bis zum 9. Juni 2002 mittwochs, freitags, samstags und sonntags zwischen 15 und 18 Uhr oder nach telefonischer Vereinbarung zu sehen. Mehr über die
Arbeit von Barbara Heier-R. erfährt man auf der Homepage www.heierkunst.de.
|